Eigentlich wollten wir heute etwas länger schlafen. Aber das Turmfalken-Paar, das wohl in der Nähe brütet, wurde gestört, und dann ertönten 10 Minuten lang die typischen ti-ti-ti-Laute. Also dösen wir halt nur noch im Halbschlaf etwas weiter.
Nach dem Frühstück richten wir unsere Rucksäcke und starten. Der Moselsteig führt ja direkt an unserem Hotel vorbei. Der Ortsteil Monzel liegt auf einer Terrasse etwas über der Mosel; wir erreichen nach wenigen Schritten den Aussichtspunkt „Monzeler Kätzchen“. Dieser Aussichtspunkt befindet sich über der besten Einzellage des Ortes. Der Name hat nichts mit Katzen zu tun, sondern mit Weidenkätzchen, die hier wegen der sonnenexponierten Lage besonders früh im Jahr blühen.

Bis zu diesen Ferien habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, was „Steillage“ im Weinbau genau bedeutet. Eigentlich habe ich mir generell noch nicht viel Gedanken über Weinbau gemacht. Das ändert sich aber in diesen Tagen. Wir können nur staunen, in welch steilen Hängen hier Weinbau betrieben wird. Vereinfacht gesagt: wenn man nicht mehr mit dem Traktor bewirtschaften kann, dann spricht man von Steillagen. Das beginnt bei Weinbergen mit mehr als 17 Grad Neigung (oder 30%) und endet beim Engelsfelsen im Badischen Bühlertal mit 75°. Wir blicken zwischen den Rebenreihen hinunter auf das untere Strässchen und wissen, da kannst du keinen Fuss hineinsetzen, so steil ist das. Hier werden alle Arbeiten mit Seilzug erbracht. Ich werde glaub’s doch nicht Winzer, Kätzchen hin oder her …

Der Weg führt durch den Brauneberg und zweigt dann nach links in ein kleines Seitental ab. Hier verläuft die Lieser, die ganz in der Nähe in die Mosel mündet. Unterwegs erörtern wir die aktuelle Lage der deutschen Automobilindustrie, und Brige redet sich ob deren Missmanagement so in Rage, dass wir prompt einen Abzweiger verpassen. Der erfahrene Wanderer hat nun zwei Optionen, entweder retour zur verpassten Abzweigung oder neu orientieren und auf nicht geplantem Weg wieder auf den Moselsteig zurückfinden. Wir entscheiden uns für Zweiteres und steigen tiefer als geplant ins Tal der Lieser ab. Es ist wunderschön wild auf dem sogenannten „Wasserfallweg“. Nur schade, dass mitten im Wald der Weg gesperrt ist und wir umgeleitet werden hoch zur Strasse, der wir nun folgen müssen bis zur grossen Brücke, die über die Mosel führt.

Wir erreichen Mülheim, das wir vom Busumsteigen schon gut kennen, und steigen auf der anderen Seite wieder in die Höhe. Hier treffen wir neben den vielen Eichen auf eine hübsche Nussbaum-Plantage. Überhaupt sehen wir viele Eichen und Nussbäume. Auch Kastanien trifft man an. In der Nähe von Monzel, wo wir untergebracht sind, haben die Römer einen Wald mit Ess-Kastanien angelegt. Das Dorf unterhalb Monzel heisst denn auch „Kesten“. Tönt ja wie bei uns „Chestene“.

Man trifft die verschiedensten Markierungen für die Wanderwege an; das offizielle Moselsteigsignet sieht so aus:

Heute sehen wir an einem Baum auch dieses Zeichen, ohne weiteren Hinweis. Erst im Hotel finden wir heraus, dass es sich bei diesem gutaussehenden Herrn um Johann Peter Petri handelt. Petri lebte im 18. Jahrhundert und war ein finsterer Geselle und Komplize des noch finsterern Schinderhannes. Angeblich geht das Kartenspiel des „Schwarzen Peters“ auf Petri zurück, der das Spiel im Gefängnis erfunden haben soll. Die Gemeinde Brauneberg hat ihm zu Ehren einen Kulturwanderweg „Grafen, Gold und Schwarzer Peter“ angelegt, der hier vorbeiführt.

Kurze Zeit später öffnet sich der Blick auf die Burg Landshut, die wir in wenigen Minuten erreichen.

Selbstverständlich machen wir einen kurzen Burgumgang, wer uns kennt, weiss, dass wir uns für Kanonen, Kasematten, Kurtinen interessieren!

Aber noch besser ist der Blick hinunter auf Bernkastel; zwei Flusskreuzfahrtsschiffe haben angelegt, denn eine Moselfahrt ohne Halt in Bernkastel ist undenkbar. Auch der Parkplatz an allerschönster Lage ist voll. Wir sind gespannt, was wir im Städtchen antreffen – Rüdesheim reloaded?

Nach kurzem und steilem Abstieg gelangen wir direkt auf den Marktplatz des schönen Städtchens. Die alten Fachwerkhäuser haben viel Charme; nur schade, dass beinahe überall im Erdgeschoss der übliche Touristenkrempel verkauft wird.

Wir schlendern durch die Gässchen und ergötzen uns an den anderen Touristen, zu denen wir ja auch gehören. Das Städtchen mit knapp 1’000 Einwohnern ist schnell erkundet, wir wechseln die Flussseite und besuchen den wesentlich grösseren Stadtteil Kues. Dort haben wir die am höchsten bewertete Eisdiele ausgemacht, und das wollen wir uns nicht entgehen lassen. In der Eisdiele Venezia genehmigt sich Brige einen Nussbecher und einen Eistee und kann nicht glauben, dass ich mir ein grosses Erdbeer-Frappé gönne.

Dann klären wir ab, ob wir hier morgen Sonntag Sandwiches belegte Brote kaufen können, das können wir, und dann fahren wir mit dem Bus in einer halben Stunde inklusive Umsteigen im bestens bekannten Mülheim zurück nach Monzel ins unser Hotel.
Und da muss ich jetzt noch etwas zum Gastgeber sagen. Der ist ganz schwer vom Porsche-Virus befallen. In der Gaststube des Hotel findet sich eine Art Schrein, in dem wohl alle Porsche-Modelle aufgereiht sind, und zwar nicht nur die Sportwagen, sondern auch die Traktoren, die die Porsche-Diesel-Motorenbau GmbH zwischen 1956 und 1963 hergestellt hatte. Ferdinand Porsche wurde 1938 von der Deutschen Arbeitsfront parallel zur Entwicklung des Volkswagen (ja, der VW-Käfer) mit der Entwicklung eines „Volksschleppers“ beauftragt. In der Folge entstanden einige schnittige Traktoren.

Schön, dass auch zwei Exemplare dieser Traktoren hier stehen! Hier der Junior 109 in voller Pracht:

Dass der Gastgeber selbst auch einen Porsche fährt, ist ja klar. Vorne ein klassischer 911er. Fast noch interessanter ist das Fahrzeug hinten, das ist ein Bausatz einer englischen Firma, ein sogenannter Kit-Car. Es handelt sich um einen Dutton Phaeton S1. Das Fahrzeug ist etwa 600 bis 700 kg schwer, in der Regel ziemlich übermotorisiert und gilt in den einschlägigen Internet-Foren als „the poor man’s roadster“, also wenig Geld für viel Fahrspass oder einen billigen Weg, dem eigenen Todestrieb zu folgen.











































